Scharf auf Gina
*
Gina steuerte am Morgen direkt auf ihn zu und sprach
ihn an: »Grüß dich, Toni. Wir haben lange nicht mehr zusammen gearbeitet.«
Toni verzog keine Miene und fing statt dessen an zu
sticheln: »Woran das wohl liegt?«
»War
Sylvie bei dir, um sich zu verabschieden?«, fragte sie und sah ihm sogar in die
Augen. Donnerwetter. Warum redete sie plötzlich wieder mit ihm? Er erwiderte
ihren Blickkontakt nur kurz, und dann ging sein Blick tiefer.
Wie süß sie schon wieder aussah in ihrer olivgrünen
Latzhose. Der knappe Latz rutschte auf ihren Brüsten hin und her, und da sie
Achselshirts darunter bevorzugte, schmiegte sich die feinrippige Baumwolle an
die Haut und betonte ihre vollen Rundungen. Er verband das Bild von prallen,
saftigen Orangen damit, die er in den Händen knetete und streichelte. Sie trug
nie einen BH, und ständig wurden die Nippel hart und drückten sich durch den
Stoff.
Wuah. Lustschauer strömten durch seinen Körper.
Wusste sie überhaupt wie sehr ihn das erregte?
»Nein«,
antwortete er knapp. Er wässerte gerade die Stauden in den Töpfen auf dem
Verkaufstisch, die zurzeit hohen Temperaturen ausgesetzt
waren. Gina ging ihm schon seit Tagen aus dem Weg, was bei der Arbeit schwierig
war, es sei denn, jemand machte es so bewusst, dass das Gegenüber es bemerkte.
Und da er zu lange auf der Leitung gestanden hatte, vor Verliebtheit
wohlgemerkt, hatte sie ihm ihre Abneigung irgendwann ganz brutal ins Gesicht
geschleudert.
»Es
reicht, Toni, deine Art gefällt mir nicht. Ich kann nicht ausstehen, wenn ein
Mann nicht kapiert, dass eine Frau nichts von ihm will.«
»Also
gut. Ich werde dich in Ruhe lassen, solange, bis du es nicht mehr aushältst«,
hatte er geantwortet.
Sie
hatte gelacht und ihm nachgerufen: »Das, mein lieber Toni, wird nie geschehen.
Nie. Nie. Nie.«
War er wirklich so ein Idiot in Bezug auf Frauen,
dass eine derart herbe Abfuhr nötig war? Davon war er nicht überzeugt. Im
Gegenteil. Gina hatte doch selbst mit dem Flirten begonnen und ihn heiß
gemacht. Sie veranstaltete mit ihm ein merkwürdiges Nähe-Distanz-Spiel, das er
noch nicht durchschaute. Sie nährte ständig seine Hoffnungen. Woher sollte er
seine Grenzen kennen? Gina trug schließlich kein Stoppschild.
*
Ihre Gespräche waren seit der Abfuhr belanglos
geworden, es ging nur noch um die Arbeit. Wenn sie miteinander redeten,
vermieden sie Blickkontakt, oder Ginas Lächeln fror ein, sobald sie ihn ansah.
Ihr Polarblick war einzigartig vernichtend. Sie packte ihre gesamte Verachtung
hinein, die blaue Farbe ihrer Augen verstärkte den Effekt noch mehr.
Sobald mehrere Personen anwesend waren, übersah sie
Toni aber nicht, lächelte ihn an und lachte auch mit ihm. Wenn ihr Blick mal in der
Runde umherwanderte, strahlte sie. Das verletzte ihn sehr, und er litt.
Nun wollte sie scheinbar weiter spielen. Es war die
erste private Frage seit langem, und Toni bemerkte die Traurigkeit, die Gina
umgab. Sylvie hatte nur fünf Wochen in der Gärtnerei gejobbt, und am Tag zuvor
ihre Arbeit beendet, um noch Zeit für den Umzug in die Schweiz zu haben.
Sylvie. Die hätte er leicht haben können. Auf dem
Goldtablett bot sie sich dem an, den sie erwählt hatte. Es war schon hart
gewesen, ihr zu widerstehen. Warum war er nie auf die Idee gekommen, Sylvie zu
vögeln? Stattdessen hatte er sich noch mehr um Gina bemüht.
Sylvie.
Dunkelhaarig. Katzenhaft. Anmutig. Der Inbegriff von Sinnlichkeit. Grünäugige
Schönheit. Lebendig. Heil. Erdig. Er fand keine besseren Wörter, keine, die es
besser trafen, samtig vielleicht. Erdig und samtig.
Sylvies
Feuer fehlte Gina. Ihre Erdung. In Ginas Augen waren Ozean, Sternenlicht und
Arktis vereint, aber in Sylvies Augen brodelte ein Vulkan.
Sylvie war die Göttin unter den Frauen. Kostbar wie Kaviar unter den Delikatessen. Sie genoss ihr Leben mit allen
Sinnen. Ob sie ihr Frühstücksbrot aß, ob sie sich in den milden Regen stellte,
ob sie verwelkte Blüten von den Blumen zupfte, ob sie mit Männern kokettierte,
sie machte alles mit Hingabe und Lust. Sie gehörte nur sich selbst, sie war gut
zu sich, gönnte sich das Beste, ohne rücksichtslos zu sein. Aber Sylvie war für
ihn nicht mehr als ein weiblicher Kumpel. Ihm gefiel nicht, dass für sie Sex
nur ein Abenteuer war. Dass es nie um Liebe, Treue und Tiefe dabei ging.
Außerdem begehrte er Gina.
Sylvie und Gina gab es meistens nur im Doppelpack.
Wer Ginas Nähe wollte, bekam auch Sylvie als Beigabe, so unzertrennlich waren
beide in den letzten Wochen geworden. Den Arbeitskollegen und dem Chef hatte
das nicht gepasst, aber die Einnahmen und Kundenfeedbacks bewegten sich
plötzlich in anderen Dimensionen als vorher. Die beiden Frauen leisteten gute
Arbeit, es machte Spaß, ihnen zuzusehen.
*
»Spritzt du immer so in der Gegend herum? Reguliere
wenigstens die Brause, wenn ich mit dir rede. Ich werde sonst nass.«
»Ach ja?« Typisch Gina. Jetzt hatte sie also den
Befehlston in ihre Spielkartei aufgenommen. 'Spritzt du immer so in der Gegend
herum?' Wo hatte sie denn solche Sätze aufgeschnappt? Von Sylvie sicher. Toni
schaute nur auf den Staudentisch vor sich, als sie noch näher kam und riss sich
zusammen. Zu gern hätte er ihr eine kleine Dusche verpasst.
»Sei bitte so lieb, Toni.« Sie streifte wie
zufällig mit der Hand seinen Unterarm und löste damit ein sanftes Zittern in
seinem Körper aus. Die feinen Härchen auf seinen braungebrannten Unterarmen
richteten sich auf und leuchteten hell im Sonnenlicht. Damit hatte sich seine
Wut schon wieder erledigt. Die Energie verpuffte aber nicht sinnlos. Sie machte
sich auf den Weg zu seiner Männlichkeit, wo sich dann eine zauberhafte
Verwandlung von weich zu hart vollzog.
Gina verstand es gut, sein inneres Feuer erneut zu
schüren. Dieses Mal hatte sie Benzin benutzt. Gina. Gina bedeutete Brennen. Er
brannte für sie. Vom ersten Tag an. Seit drei Monaten. Ihre scheue Art hatte
ihm gefallen. Das war aber nur Vorsicht gewesen. Sie begegnete jedem zunächst
abwartend passiv und misstrauisch, wie er beobachtet hatte. Das änderte sich
schnell, und wenn sie auftaute, stand sie sofort im Mittelpunkt.
*
Gina griff unter den Tisch und suchte passende
Töpfe und Kisten. Hoffentlich entging ihr die Beule in der Hose, waren seine Gedanken.
Zum Glück waren die Arbeitshosen sehr weit ausgestellt. Sie begann, Stauden
umzutopfen und arbeitete in der Hocke, sodass er auf sie herabsehen konnte.
Ihren Oberkörper hatte sie ihm seitlich zugedreht. Schon der Blick auf den
Ansatz ihrer Brüste, als der großzügig gearbeitete Achselausschnitt sich mit
jeder Bewegung dehnte und der Stoff die Nippel zu einer spitzen Tüte rieb,
verstärkte die Geilheit. Bei der Vorstellung, dass sich der Stoffsaum noch
weiter nach vorn schieben, die Brust und die steife Knospe komplett frei legen
könnte, war der Schwanz am Ultimo angelangt. Von oben blickte Toni direkt auf
den verführerischen Graben, der die Brüste trennte. Direkt hineinstoßen, die
Latte in der Furche entlangziehen und die Spuren seiner Männlichkeit verewigen,
nur danach verlangte es ihn in diesem Moment.
Genug jetzt, schalt er sich.
Toni konzentrierte sich mit aller Kraft auf die
Arbeit, sah nur auf den Tisch und wartete, bis der unartige beste Freund wieder
in seinen Normalzustand zurückgekehrt war. Arbeit? Was tat er seit Minuten
überhaupt? Die Brause hatte er am Regler abgestellt, die Hände hielten sie
noch, und er starrte nur noch vor sich hin. Ihm gelang wenigstens, nicht zu
Gina zu schauen.
»Hey, Toni, schlaf nicht ein bei der Arbeit«, sagte
sie und lachte.
Er musste wohl ziemlich durcheinander wirken. Ob
sie etwas gemerkt hatte?
»Bist du wieder mal auf Streit aus?« 'Zicke' hätte
er gern noch hinzugefügt.
»Aber Toni, gib doch zu, du bist glücklich, wenn
jemand mit dir flirtet.«
*
Mehrere Kunden kamen, wodurch es lauter wurde. Gina
rückte näher an ihn heran, er roch ihr leichtes, unaufdringliches,
unwiderstehliches Parfum, und ihre blonden Haare dufteten nach Shampoo. Sie gab
nicht auf, die Locken mit einer Schnur zu bändigen. Morgens gelang ihr das
noch, aber um die Mittagszeit und bei leichtem Regen hing die Hälfte als
Strähnen daneben. Schon wieder hatten sich winzige Äste und andere pflanzlichen
Kleinteile darin verfangen. Wild sah sie aus. So gefiel sie ihm am besten. Aber
nicht noch einmal würde er ihre Haare berühren. Oh, nein.
Er riskierte einen längeren Blick in ihre Augen.
Warm und dunkelblau glänzte die Iris, die Lider waren gerötet. Ein Anblick, der
nun auch noch seinen Brustkorb zusammenzog. Zu gern hätte er sie an sich
gezogen und getröstet. Nahm sie der Abschied von Sylvie tatsächlich so sehr
mit?
Was hatte er überhaupt falsch gemacht? Seit Tagen
versuchte er, das herauszufinden. In der ersten Zeit war sie betont locker mit
ihm umgegangen, hatte ihn ermutigt zu flirten und ihm mit ihrem Lächeln
bestätigt, dass ihr seine Nähe angenehm war. Sie fragte ihn mehr als die
Arbeitskollegen und begleitete am liebsten ihn zu den Kunden. Vielleicht hatte
er sich das nur eingebildet. Vielleicht lag das an seiner eigenen
Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft, die Gina beeindruckt hatte. Vielleicht
hatte sie ihn nur nett gefunden. Wie den Friseur oder den Busfahrer. Und sonst
nichts.
Unvergesslich war ihm eine Szene geblieben. Gina
hatte ihn gebeten, das Zopfband etwas straffer zu ziehen, als sie mit den Armen
und Händen bei einem Kunden im Gartenteich versank, um Wasserpflanzen
einzusetzen. Das Band hatte sich gelöst, die Strähnen wären ins Teichwasser
gefallen. Ebenso ungünstig wäre es gewesen, wenn sie mit nassen, schmutzigen
Händen selbst den Zopf neu gebunden hätte.
Seine Hände verweilten dabei lange in ihrem Nacken,
er ordnete die Haare lange, die Fingerspitzen glitten hindurch und tasteten
lange über die Kopfhaut. Er hatte drei Strähnen abgetrennt und einen Zopf
geflochten, nur damit er sie berühren konnte. Sie hatte nichts gesagt, sich
aber von diesem Zeitpunkt an von ihm ferngehalten. Bis er sie angesprochen
hatte, was los sei und sich die verletzenden Worte anhören musste.
»Warum sollte ich darüber glücklich sein? Du suchst
nur ein Opfer für deine Gehässigkeiten. Du bist eine Spielerin und wirst immer
eine bleiben. Die Art, wie du mit Menschen umgehst, wird sich nicht ändern. Was
verbirgt sich wirklich dahinter?« Er widerstand doch nicht mehr, nahm eine
Strähne ihrer Haare und wickelte sie um seinen Finger. »Aber ich mag dich,
immer noch. Oder schon wieder. Es hört wohl nie auf«, flüsterte er.
Ein Flammenregen löste sich aus seinen Fingern, er
spürte, wie sie erschauerte und tiefer atmete. Zwischen den Beinen keimte schon
wieder die Lust. Werd jetzt bloß nicht schon wieder steif, sagte er unhörbar zu
dem ungehorsamen Schwanz. Der Gedanke an Ginas Abfuhr verhinderte zum Glück das
Schlimmste.
»Ich freue mich, wenn du auch kommst. Sylvie, du
und ich. Um neun bei mir«, sagte sie und strich mit der Hand auf seinem
Unterarm entlang.
»Ein neues Spiel?«
»Wieso?«
»Weil dir mit Sylvie nichts passieren kann, denn
sonst öffnest du ja nicht«, sagte Toni.
Unter seinem scharfen Blick senkte sie die
Augenlider.»Du warst bei mir? Wann?«
»Ein, zwei Mal«, antwortete er.
»Ich bin nicht immer da. Mein Lebensinhalt besteht
nicht darin, neben der Klingel zu sitzen und auf Herrn Toni Dingsbums zu
warten, der gelegentlich ohne Voranmeldung vorbeizukommen pflegt.«
»Du liebst es doch, zu spielen. Es bereitet dir
doch ebensoviel Freude, wie anderen ein Auto oder ein kostbares Schmuckstück.
Außerdem habe ich zu tun. Also dann: Tschüß bis irgendwann.«
»Nicht irgendwann. Heute Abend.« Gina nahm ihm die
Brause aus der Hand und stellte sie auf sanft. Ruckartig richtete sie den
Strahl auf ihn und gab sie ihm dann lachend zurück.
»Was soll das, Gina?« Toni ließ sie stehen und
beachtete sie bis zum Feierabend nicht mehr.